Die zwei stürzen ohne Vorwarnung auf mich zu. Es ist kurz vor zehn, ein grauer Dezembermorgen, als mich Niki anspringt. Seine matschverschmierten Pfoten hinterlassen Spuren auf meiner Jeans. Maxi setzt ebenfalls zum Sprung an, wird aber durch das resolute Eingreifen seiner Halterin an der Punktlandung gehindert. Offensichtlich bin ich unerlaubt in das Hoheitsgebiet der beiden Foxterrier eingedrungen. Dabei sitze ich nur auf einer Mitfahrerbank in Großheppach. In Großheppach ist die Mitfahrerbank eine Mauer. 

„Zwei Grad Celsius. Schneeniesel. Fünf Autos in zehn Minuten.“

Zwei Grad Celsius. Schneeniesel. Fünf Autos in zehn Minuten. Großheppach gehört zur Gemeinde Weinstadt. Genauso wie Gundelsbach, wo eine weitere Mitfahrerbank steht. Da möchte ich hin. Seit einer halben Stunde schon rutsche ich bei zwei Grad und leichtem Schneeniesel auf der Bank hin und her. Allerdings scheinen die Berufspendler heute bereits unterwegs, die Kinder in der Schule zu sein und auch sonst fahren heute früh alle überallhin – nur nicht nach Gundelsbach. In der ersten Viertelstunde zähle ich drei Autos, in den kommenden 20 Minuten sind es sechs. Ich verändere meine Methode, stehe von der Bank auf und strecke meinen Daumen aus, so wie ich es vom Trampen kenne. Hilft aber auch nicht …

Eine Bank. Ein Schild. Und etwas guter Wille.

Dabei sind Mitfahrerbänke eine tolle Idee, finde ich. Der Gedanke dahinter ist so einfach wie überzeugend: Menschen mit Auto nehmen Menschen ohne Auto mit. Dafür reicht eine Bank, ein Schild und etwas guter Wille. Für kleinere Orte oder Dörfer, die vom öffentlichen Nahverkehr abgeschnitten sind, eine gute Sache. Gerade in Zeiten, in denen der Sharing-Gedanke, also Dinge mit anderen zu teilen, immer beliebter wird, setzen sich auch Mitfahrerbänke durch. 2014 wurde in der Eifel die erste aufgestellt, mittlerweile gibt es in ganz Deutschland weitere Bänke. Winfried Deeg sorgt an diesem Morgen für willkommene Abwechslung. Er ist von Gundelsbach aus nach Großheppach gestartet, allerdings mit dem eigenen Auto, weil er seinen Hund dabeihat. Deeg ist so etwas wie der gute Geist der Gemeinde Gundelsbach – er selbst beschreibt sich als „heimlicher Manager des Ortes“. Seit langem setzt er sich für Gundelsbach ein. Egal, ob es um die Instandsetzung des Backhauses geht oder den Anschluss ans schnelle Internet – Deeg lässt nicht locker, wenn es um die Lebensqualität der Gemeinde geht. Die Idee für die Mitfahrerbänke kam allerdings nicht von ihm, sondern von einem Bürger aus Schnait. Stadtrat Jan Beck holte Deeg ins Boot, der war sofort begeistert und warb bei den Mitbürgern für die Bänke. Innerhalb weniger Wochen einigten sich die Stadtverantwortlichen auf zwei Standorte, nutzten vorhandene Bänke, um die Kosten niedrig zu halten, ließen Schilder aufstellen und weihten die Mitfahrgelegenheiten im Sommer 2016 mit einem kleinen Fest ein.

„Die erste Mitfahrerbank Deutschlands wurde 2014 in Speicher in der Eifel aufgestellt.“

Stadtwerke. Schrotthändler. Und die Sozialstation.

Inzwischen ist mir die Kälte in die Knochen gekrochen und das Warten eine Herausforderung. Auch der Blick auf die große, alte Kastanie mit ihrer ausladenden Krone, die wie ein Schutz über mir thront, entschädigt nicht für die Stunde, in der keiner angehalten hat. Ich schaue auf die Straße: Erst fährt ein Wagen der Stadtwerke Weinstadt vorbei, dann ein Schrotthändler. Ich zähle fünf Autos innerhalb von zehn Minuten. Auch eine Citroën-Fahrerin, von der ich ein bisschen mehr Savoir-vivre und frankophile Gelassenheit erwartet hätte, hält nicht an. Winfried Deeg verrät mir den Grund: Ich habe an der falschen Stelle gesessen! Die Bank unter der Kastanie sei schon immer dort gewesen und sie sei nicht die eigentliche Mitfahrerbank. Die befände sich streng genommen auf der Mauer, genau neben dem Mitfahrerbank-Schild. Ich probiere es also wenig später noch einmal. Und tatsächlich: Schon der zweite Wagen stoppt. Claudia Wilhelm von der Sozialstation Weinstadt fragt, wohin ich möchte. Schnell räumt sie ihren Korb und die Tageszeitung vom Beifahrersitz und schon geht es los nach Gundelsbach. Die knapp zwei Kilometer dorthin gehen schnell vorbei, weil wir gleich ins Gespräch kommen. Auch das ist Teil des Erfolgs der Mitfahrerbänke: dass sich Menschen austauschen. Die moderne Form des Trampens bringt einen eben nicht nur ans Ziel. Oft teilt man auch mehr als nur die Fahrt miteinander.

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