Geldinstitute stehen schon seit geraumer Zeit unter einem gewaltigen Spardruck. Der Spagat zwischen der direkten Präsenz vor Ort und modernen digitalen Angeboten verlangt der gesamten Branche jede Menge ab. Eine Volksbank und eine Sparkasse, die eigentlich doch in Konkurrenz zueinanderstehen, haben auf diesen zunehmenden Druck jetzt eine Antwort gefunden: Erstmalig werden in Deutschland zwei voneinander unabhängige Institute großflächig gemeinsame Räumlichkeiten nutzen, damit sie für ihre Kunden erreichbar bleiben und die Zweigstelle nicht geschlossen werden muss.

Die beiden Institute machen ab sofort gemeinsame Sache und bleiben trotzdem eigenständig. Bislang galt Sharing unter Banken als kaum realisierbar: Das Kooperationsmodell „Finanzpunkt“ zeigt jedoch eindrucksvoll, dass es auch anders geht. Insider glauben sogar, dass sich das Modell auch unter anderen Geldinstituten durchsetzen wird und die Sharing Economy dadurch weiter wächst.

Taunus Sparkasse und Frankfurter Volksbank gemeinsam unter einem Dach

„Finanzpunkt“ ist ein Kooperationsmodell der Frankfurter Volksbank und der Taunus Sparkasse. Im Speckgürtel der pulsierenden Finanzmetropole, wo beide Institute sehr stark vertreten sind, betreiben sie nunmehr eine Reihe an Filialen gemeinsam. Mit einer Bilanzsumme von etwa zwölf Milliarden Euro ist die Frankfurter Volksbank (rund 1.600 Mitarbeiter) hinter der Berliner Volksbank die zweitgrößte Volksbank in Deutschland. Laut einer Übersicht des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes liegt die Taunus Sparkasse (800 Mitarbeiter) mit einer Bilanzsumme von mehr als 5,5 Milliarden Euro unter den zuletzt 385 Sparkassen in Deutschland auf dem 49. Platz.
Der offizielle Startschuss für den ersten gemeinsam betriebenen Standort fiel bereits Anfang September im hessischen Sulzbach. Hier suchen die Kunden beider Geldinstitute künftig nur noch eine Geschäftsstelle auf. Bis zum Jahresende werden neun weitere Geschäfts- und Selbstbedienungsstellen zu Finanzpunkten umgebaut.
Insgesamt 26 Standorte im Main-Taunus-Kreis und im Hochtaunuskreis sollen sich bis Ende 2021 in die neuen „Finanzpunkte“ verwandeln, sie bieten Kunden beider Geldhäuser dann eine gemeinsame Anlaufstelle. Zum Konzept gehört aber auch, dass je Institut vier zusätzliche und somit vollkommen neue Standorte geschaffen werden. Das heißt, die Kunden dürfen sich in Zukunft über eine noch bessere physische Präsenz in der Fläche freuen.
Wie es hieß, wollten Taunus Sparkasse und Frankfurter Volksbank in die Umgestaltung der Filialen etwa fünf Millionen Euro investieren. Die verbundübergreifende Kooperation soll im Gegenzug aber auch ganz massiv Kosten senken: So rechnen die Institute beispielsweise mit Einsparungen in Millionenhöhe. Gleichzeitig stellen die Geldhäuser durch die Zusammenlegung die Präsenz in der Fläche sicher. Wie die Chefin der Frankfurter Volksbank, Eva Wunsch-Weber, erklärte, leisten die „Finanzpunkte“ einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung der lokalen Infrastruktur innerhalb der Region.

Und so funktionieren die „Finanzpunkte“ der Sharing Banken

Vielen Kunden ist die Nähe zu ihrem Bank- oder Sparkassenberater auch in Zeiten der Digitalisierung wichtig. In den „Finanzpunkten“ sind die Mitarbeiter persönlich für die Menschen der Region da. Und das auf denkbar kundenfreundliche Weise.
Das Prinzip ist eigentlich ganz einfach. Zunächst verschwinden die jeweiligen Logos von Sparkasse und Volksbank von den bisherigen Zweigstellen. Dafür wird es nach dem Umbau ein Lichtkonzept auf LED-Flächen (in- und outdoor) geben. Dank der wechselnden – entweder roten oder blauen – Licht-Gestaltung erkennen die Kunden dann schon von Weitem und auf einen Blick, welche Mitarbeiter von welcher Bank am entsprechenden Tag vor Ort sind. Dadurch bleibt die Corporate Identity des jeweiligen Institutes optimal erhalten und die Kunden können sich ohne Probleme orientieren. Einige „Finanzpunkte“ erhalten jedoch ausschließlich gemeinsam betriebene Selbstbedienungs-Infrastrukturen mit Self Service Terminals und Geldautomaten.
Für das Gestaltungskonzept war übrigens der Frankfurter Architekt Holger Meyer zuständig. Er realisierte den Wunsch der beiden Institute nach Barrierefreiheit, Transparenz und Wiedererkennbarkeit, in dem er ein vollverglastes Eingangsmodul entwickelte, das mit einem grauen umlaufenden Rahmen versehen ist und den neuen charakteristischen Schriftzug „Finanzpunkt“ trägt. Als einheitliches und wiedererkennbares Element steht dieses Modul vor jeder Filiale.
Die Gemeinschaftsfilialen werden an vier Wochentagen ihre Türen für die Kunden öffnen. An jeweils zwei festen Tagen sind dann entweder Berater der Sparkasse oder der Volksbank vor Ort. Die Geldautomaten stehen den Kunden beider Institute selbstverständlich wie gewohnt durchgehend zur Verfügung.
Angst um ihre Daten müssen Kunden natürlich nicht haben: Die institutseigene IT-Infrastruktur wird durch das neue Konzept nicht geändert und es gibt auch keinen Zugriff auf die Kundendaten des jeweiligen anderen Institutes. Da auch die zeitliche Präsenz der Bankberater in den Filialen strikt getrennt wird, ist zu jedem Zeitpunkt sichergestellt, dass Datenschutz und Bankgeheimnis gewährleistet werden. Nur die Bildschirme, die Kaffeemaschine und der Kühlschrank werden gemeinsam genutzt, erklärte ein Bankvertreter bei der Präsentation der neuen Filiale in Sulzbach.
Eine Gemeinsamkeit gibt es aber dennoch: Auf der eigenen und gemeinsamen Internetpräsenz „Finanzpunkt“ erhalten Kunden schnell und übersichtlich alle wichtigen Informationen.

Sharing als Mittel gegen das Filialsterben

Die zunehmende Digitalisierung und der enorme Druck der Zinsflaute haben dazu geführt, dass sich das Filialsterben auf dem deutschen Bankenmarkt bis heute weiter fortsetzt. Schauen wir uns die Statistiken der Bundesbank an, verringerte sich 2018 die Zahl der Geldhäuser im Vergleich zu 2017 um 40 auf exakt 1.783 Institute. Noch viel deutlicher schrumpfte die Anzahl der Zweigstellen. 2018 gab es auf dem gesamten deutschen Markt 27.887 Filialen: 2.239 weniger als im Jahr zuvor. Zum Vergleich: 2007 gab es bundesweit noch rund 40.000 Filialen. Oder anders ausgedrückt: Seit 2007 wurden etwa 12.000 Zweigstellen geschlossen. Das ist kein Wunder: Immer mehr Bankkunden erledigen ihre Geschäfte quasi nur noch per App auf dem Smartphone oder am heimischen Computer. Und in einer Zeit, in der sich die Institute aufgrund des Zinstiefs ohnehin extrem schwertun, gleichzeitig aber auch viel Geld in immer modernere digitale Angebote investieren müssen, ist ein dichtes Filialnetz eben ein immenser Kostenfaktor.
Ganz neu sind Sharing Banken trotzdem nicht. An einzelnen wenigen Standorten in schwach besiedelten und ländlichen Regionen gibt es gemeinsame Geldautomaten und Zweigstellen von Sparkassen und Genossenschaftsbanken schon etwas länger. Diese sind aber bislang eine absolute Ausnahme gewesen. Auch die Zusammenarbeit zwischen beiden Instituten ist kein absolutes Novum. Schon 2001 hatten die Frankfurter Volksbank und die Taunus Sparkasse eine erste gemeinsame SB-Zweigstelle eröffnet. Das Modell „Finanzpunkt“ geht jedoch deutlich weiter, denn hier werden nach Abschluss der Umbauarbeiten schließlich mehr als 50 Standorte geteilt. Es sei innerhalb von vier Monaten von den Beteiligten ausgearbeitet worden.
Trotzdem bleiben Taunus Sparkasse und Frankfurter Volksbank natürlich auch weiterhin Wettbewerber: trotz gemeinsam genutzter Räume. Eine Fusion wird es also bis auf Weiteres nicht geben.

Ein Sharing-Modell für die Zukunft, das sicherlich Nachahmer findet

Das neue Konzept, das auch gerne als „Share a Bank“ bezeichnet wird, zeigt ganz deutlich, dass Anbieter von Dienstleistungen einen physischen Standort auch im Wechsel nutzen können. Sharing ist somit nicht nur für Geldinstitute ein überlegenswertes Modell. Schließlich rechnet es sich für beide Seiten: Die Kosten für die Filiale werden geteilt und es müssen keine Arbeitsplätze abgebaut werden. Oliver Klink, Chef der Taunus Sparkasse, betonte, dass sein Institut im Vergleich zu einer eigenen Zweigstelle immerhin 40 Prozent einsparen kann. Kein Wunder, dass das Konzept in der Branche bereits eine Vorbildfunktion übernommen hat. Und wie es heißt, sei die Kooperation ausdrücklich offen für weitere Partner.

Nicht nur Banken Sharing ist angesagt, lesen Sie unseren Artikel zum Thema Strom Sharing.

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