Der blitzschnellen Digitalisierung haben wir vor allem eines zu verdanken: Warten ist unbeliebter denn je. Nur folgerichtig, dass sich viele digitale Konzepte um Mobilität drehen. Sharing Mobility bietet Lösungen gegen verstopfte Straßen, verspätete Bahnen und frustrierende Parkplatzsuche. In unseren Städten wartet darum schon heute eine Vielzahl verlockender Fahrzeuge auf uns. Wer Smartphone und Kreditkarte besitzt, kann sich praktisch sofort auf den Weg machen.

Doch wie schnell kann es wirklich losgehen? Die Anmeldung dauert oft schon mal eine gute halbe Stunde – für alle zusammen! In kürzester Zeit habe ich mich bei car2go, Coup, emmy, Lime-Bike, JUMP, Donkey Republic und Mobike angemeldet. Mir stehen jetzt per App Autos, Motorroller, E-Bikes und Fahrräder in der ganzen Stadt zur Verfügung. Nötig waren ein Smartphone, eine E-Mail-Adresse, eine Kreditkarte, ein Personalausweis und ab und zu der Führerschein.

Sharing Mobility – Finde dein Fahrzeug

Mein erster Weg: zum Zahnarzt. Ein Blick auf die App bietet mir fußläufig drei PKW an. Ich reserviere per Tastendruck einen Zweisitzer und beginne meine erste Shared-Mobility-Erfahrung. Nun muss ich das Auto nur noch finden, eine Karte auf dem Smartphone soll mir dabei helfen. Dummerweise regnet es und ich habe wegen des nassen Displays leichte Schwierigkeiten, den genauen Standort zu ermitteln. Schließlich entdecke ich das winzige Auto. Zum Entriegeln soll ich einen Code, der auf einer Anzeige hinter der Windschutzscheibe steht, in mein Smartphone eingeben. Dafür muss ich schon zwei nasse Oberflächen abwischen. Ich bin froh, als ich endlich in das kapselartige Cockpit steigen kann. Auf dem Boden der Beifahrerseite: benutzte Taschentücher. Ansonsten sieht alles hübsch unpersönlich aus. Der Schlüssel baumelt aus dem Handschuhfach. Der kleine Smart Fortwo bietet anfangs einen gewissen Spaßfaktor, das Beschleunigen auf Ortsgeschwindigkeit wirkt in dem winzigen Auto fast raketenhaft. Am Ziel angekommen, finde ich fix einen Parkplatz, in den kein normaler PKW hineingepasst hätte. Nun muss ich noch den Chip, an dem der Schlüssel hängt, zurück in den Schlitz im Handschuhfach stecken und die Tür hinter mir schließen. Der Smart verriegelt sich und entzieht sich dadurch automatisch meiner Verantwortung. Sofort zeigt mir die App die entstandenen Kosten an. Die Fahrt über 33 Minuten hat 8,85 € gekostet.

Nach dem Zahnarztbesuch hat der Regen aufgehört, vor dem Gebäude warten mehrere Fahrräder von Donkey Republic, Nextbike und Mobike auf Kundschaft. Letztere sind chinesischer Herkunft, unter Namen wie Obike oder Ofo haben sie sich in einigen Städten zu einer regelrechten Plage entwickelt. Sie ähneln Kinderfahrrädern, haben meist silberne Rahmen mit knallorangen Felgen und einem Metallkorb über dem Vorderrad. Wenn man die Bewertungen in den Apps liest, bekommt man den Eindruck, dieser Typ Rad sei von Sadisten entworfen worden. Hier funktioniert angeblich gar nichts. Die App zunächst schon, allerdings muss man im Gegensatz zu anderen Anbietern finanziell in Vorleistung gehen. Ich buche per Kreditkarte die Mindestsumme von 5 € und kann sofort ein Rad entriegeln, indem ich das Smartphone im Kameramodus über einen kleinen Strichcode unterm Sattel halte. Für einen Euro darf ich jetzt 20 Minuten fahren und mache mich auf den Weg in eine nahegelegene Bibliothek. Nach den ersten Metern gibt es nur eine gute Nachricht: Der Sattel rutscht nicht, wie oft bemängelt, direkt nach unten. Ansonsten werde ich schneller und schneller langsamer. Selbst auf gerader Ebene verhält sich das Rad, als würde man bergauf fahren. Der Drehring, der sich neben dem linken Handgriff befindet, ist leider keine Gangschaltung, sondern eine Klingel, die jedes Mal schrill ertönt, wenn man sie versehentlich mit der Hand berührt. Zusätzlich quietscht das Rad. Beim Fahren leise, beim Bremsen ohrenbetäubend laut. Keuchend, klingelnd und quietschend erreiche ich langsam mein Ziel und ziehe dabei die Aufmerksamkeit einiger Passanten auf mich. Lachen die mich etwa aus? Obwohl ich gefühlt ewig gebraucht habe, blieben mir eigentlich noch acht Minuten. Die verfallen aber, als ich das Rad manuell mit dem eingebauten Reifenschloss verriegle und damit die Miete beende.

Sharing Mobility – Schieb mich nach Hause

Noch geschwächt von Zahnarzt und Mobike, möchte ich später auf etwas angenehmere Weise nach Hause kommen. Ein E-Bike muss her. Lieber ein knallgrünes Lime-Bike? Oder ein grellrotes Rad von JUMP? Letztere sind mit ihrem Mofa-Look nicht nur optisch attraktiver, sondern auch bisher europaweit ausschließlich in Berlin zu haben, also noch eine Rarität. Suchen und reservieren kann man sie mit der App des Fahrdienstleisters Uber. Sobald das erledigt ist, bekommt man einen Code, den ich mittels einer Tastatur an der Rückseite des JUMP-Bikes eingeben muss. Nun gilt es einen monströs wirkenden Metallbügel aus dem Hinterrad zu entfernen und durch zwei seitlich angebrachte Röhren zu stecken. Es ist ein bisschen so, als würde man eine Waffe laden. Für einen Euro kann ich ebenfalls 20 Minuten fahren, dann kostet jede weitere Minute zehn Cent. Nach zwei kurzen Pedaltritten fühle ich mich wie von unsichtbarer Hand angeschoben. Am Lenker stehen drei Gänge zur Auswahl, von denen ich im Geschwindigkeitsrausch (25 km/h!) nur den dritten benutze. Ich sause am dichten Verkehr vorbei, Steigungen merke ich kaum. Ich komme bedeutend schneller und billiger voran als mit einem Auto. Mittlerweile wird es dunkel und der rote Blechkorb über dem Lenker erstrahlt durch den darunterliegenden Scheinwerfer wie ein gemütliches Lagerfeuer. Am Ziel angekommen, bin ich fast traurig, als ich den schweren Bügel wieder ins Schloss einrasten lasse, um damit die Miete zu beenden. Bald wird jemand anderes mit dem schönen E-Bike irgendwohin fahren. Man muss bei Sharing Mobility eben auch loslassen können.

MARTIN RIEMANN IST GEBÜRTIGER NORDRHEIN-WESTFALE UND ERFOLGREICHER AUTOR, PRODUCER, TEXTER, JOURNALIST UND ÜBERSETZER. DER WAHLBERLINER WURDE FÜR DAS KONZEPT DER ZEICHENTRICKSERIE „DR. HUHN“ MIT EINEM PREIS ÜBER 15.000 € AUSGEZEICHNET, UND SEINE ÜBERSETZUNG DES THEATERSTÜCKS „THE PLAY THAT GOES WRONG“ LIEF LANGE MIT SEHR GROSSEM ERFOLG AUF DEUTSCHSPRACHIGEN BÜHNEN.

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