Das Museum für Naturkunde in Berlin ist eine der bestbesuchten Bildungseinrichtungen der Welt. Durch innovative Ansätze zur Wissensvermittlung und gemeinschaftlichen Teilhabe an Forschung und Entwicklung schafft es das Haus, immer mehr Menschen in einen produktiven Dialog zu den Themen Natur, Gesellschaft und Nachhaltigkeit einzubeziehen. Dabei spielt Sharing die entscheidende Rolle.

Bei dem Wort Museum denkt man leicht an staubige Exponate und den doofen alten Spruch „Das Berühren der Figuren mit den Pfoten ist verboten“. Nicht so beim Museum für Naturkunde Berlin. Denn hier gibt es nicht nur viel zu sehen, sondern auch viel zum Mitmachen und Ausprobieren – für Besucherinnen und Besucher wie für Forschende. Das „Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung“, wie es offiziell heißt, gehört zu den weltweit bedeutendsten Forschungseinrichtungen auf dem Gebiet der biologischen und erdwissenschaftlichen Evolution und Biodiversität. Prof. Johannes Vogel leitet das Haus seit 2012. Er hat sich und seinem Team eine große und relevante Aufgabe gegeben: die Menschen zu wissenschaftsmündigen Bürgerinnen und Bürgern zu machen. Ihm gilt es, grundlegende gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen, die für das Überleben der Menschheit unabdingbar sind. „Wenn man sich die Natur außerhalb des Menschen anguckt und sieht, wie smart da gearbeitet wird, fällt auf, dass alles auf einem ganz simplen, aber unheimlich wahren und kraftvollen Prinzip beruht. Nämlich, dass es nur eine Erde gibt. Wir als Menschen haben uns selbst den Titel Homo sapiens verliehen. Wir wissen auch, dass sich etwas ändern muss, wenn sich unsere Art erhalten soll. Aber wir handeln nicht danach, im Gegenteil – wir entziehen uns weiterhin systematisch unsere Lebensgrundlage“, erklärt Vogel. Und genau das soll sich ändern.

„Bei uns gibt es kaum Erklärtexte an den Exponaten. Das hat den Effekt, dass die Besucherinnen und Besucher ungestört staunen können. Und nur wer staunt, entwickelt Bewunderung und Wertschätzung.“ Prof. Johannes Vogel

Allein der Mensch tut sich schwer mit dem Teilen

„Das Teilen von Lebensräumen und Ressourcen scheint ein Grundprinzip des Lebens zu sein. Allgemein lässt sich ganz klar feststellen, dass das Leben, relativ schnell nachdem es entstanden ist, sich zusammengetan hat“, erklärt Prof. Vogel. Bei Pflanzen beispielsweise zeige sich sehr früh in der Entwicklungsgeschichte die Bildung von Symbiosen mit anderen Organismen, so der promovierte Botaniker. „In jeder Pflanzenzelle, ob Alge oder Mammutbaum, stecken drei verschiedene Organismen, die alle eine unterschiedliche DNS haben: Mitochondrien, Chloroplasten und die Pflanzenzelle selbst. Die sind alle drei gleich von Anfang an in der Pflanze angelegt. Sie können gar nicht mehr ohne einander.“ Doch auch untereinander profitieren Pflanzen von der Zusammenarbeit, denn das Leben wird dadurch für alle Beteiligten leichter. Gattungsübergreifend können sich Bäume beispielsweise gegenseitig gezielt Informationen, Wasser und Nährstoffe zukommen lassen, fand Suzanne Simard von der University of British Columbia in Vancouver heraus. Dies geschieht über dichte Netzwerke von Pilzmyzelien im Boden. Bereits in den 1970ern vermutete der US-amerikanische Mykologe Paul Stamets den Austausch von Pflanzen untereinander über dieses „Internet der Natur“.

Allem Fressen und Gefressenwerden entgegen: Im Tierreich sind Symbiosen ebenfalls gang und gäbe. Haie und Putzerfische, Ameisen und Blattläuse, Vogelspinnen und Breitmaulfrösche sind nur einige wenige Beispiele – man hilft sich gegenseitig aus; und was der Elefant zurücklässt, kommt dem Dungkäfer zugute. Ein funktionierendes Ökosystem beruht auf einem ausgeglichenen Verhältnis von Geben und Nehmen. Beim „zivilisierten“ Menschen allerdings scheint dies keine Beachtung zu finden. Das kritisiert Vogel scharf: „In der Natur gibt es keine Vermehrung und keinen Verbrauch über die Kapazitäten des Ökosystems hinaus. Der Mensch hat es innerhalb kürzester Zeit geschafft, diese Systemzwänge auszuhebeln. Das geht so einfach nicht mehr weiter. Und irgendwer muss doch mal anfangen mit der Veränderung und zeigen, dass es auch anders geht.“ Der springende Punkt für Vogel: Eigentlich haben wir genug von allem, um auch noch ein paar Milliarden mehr zu ernähren. Aber die Verteilung ist sehr unausgewogen. „Die Schwierigkeit dabei ist, dass wir uns zu sehr auf Instrumente der Einsamkeit einlassen. Wir starren in Bildschirme, statt einander in die Augen zu schauen. Es geht nur noch ums Individuum. Dem entgegenzuwirken, bedarf es Orten wie dem Museum für Naturkunde in Berlin, die Gemeinschaft stiften.“

„Wir müssen wieder begreifen, dass wir gemeinsam besser sind.“ Prof. Johannes Vogel

Die Lösung heißt Community

Als Bildungseinrichtung setzt sich das Museum für Naturkunde Berlin aktiv für eine offene Wissenschaft und eine offene Gesellschaft ein. Der Ansatz dazu nennt sich „upstream public engagement in science“. Dabei geht es um den direkten Austausch von Wissenschaft und Gesellschaft. Das Teilen von Wissen, Erfahrungen und Ideen ist für beide Seiten unheimlich wertvoll. So waren es beispielsweise wissenschaftliche Laien, die mit ihren Befunden zu drastisch schwindenden Insektenpopulationen den öffentlichen und dadurch auch den politischen und wissenschaftlichen Diskurs im vergangenen Jahr anheizten. Forschung vertiefen, Erkenntnisse vermitteln, die Gesellschaft verändern, Menschen durch Faszination und Engagement verbinden: Das sind die Aufgaben, die das Museum für Naturkunde Berlin klar für sich definiert hat. Und damit hat es Erfolg. Laut dem aktuellen Geschäftsbericht zählte das Haus 2018 insgesamt 734.237 Besucherinnen und Besucher. Die zahlreichen Bildungsprogramme verzeichnen jährlich rund 30.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer – absolute Spitzenwerte, auch im internationalen Vergleich. Für Vogel ein Zeichen dafür, dass ein hoher Bedarf an Dialog besteht und die Bereitschaft zum Umdenken, zum Handeln stetig wächst. „Ich glaube, dass die Menschen spüren, dass es so nicht weitergeht. Je mehr Menschen sich aber mit dem wissenschaftlichen Prozess auseinandersetzen, je mehr Menschen miteinander ins Gespräch kommen, desto mehr wird die Forderung zu handeln aus der Bevölkerung selbst kommen. Nur so kann die Veränderung auf Dauer gelingen.“
Um den Veränderungsprozess aktiv anzustoßen, wurde der gesamte Nordflügel des Berliner Naturkundemuseums mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung zum „Co-Creation Space“ umgewandelt. Mit Wohnzimmer, Bühne, Applikationslabor – alles öffentlich zugänglich. Erste Projekte zum Thema Natur und Gesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Siemens Campus in Berlin sind bereits geplant.
Dass das Museum für Naturkunde Berlin ein interessanter Kooperationspartner für zukunftsorientierte Unternehmen ist, liegt auf der Hand, denn mit über 30 Millionen Sammlungsobjekten ist es eine bedeutende Forschungsstätte für alle nur erdenklichen Bereiche und Anwendungen unserer Zeit. Hier lassen sich Verbindungen mit der Vergangenheit knüpfen und Lösungen für die Zukunft erforschen. „Wir wünschen uns ausdrücklich die Kooperation mit Partnern aus Industrie und Wirtschaft, um einen möglichst breiten und vor allem praxisorientierten Dialog zwischen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft sowie Bürgerinnen und Bürgern zu ermöglichen“, erläutert Vogel. Dabei gehe es um die Vermittlung positiver Leitbilder und aktive Teilhabe. „Die Zeit zu handeln ist jetzt. Aber wir wollen keine Ängste schüren. Das machen andere bereits zur Genüge. Die Angst ist kein guter Wachstumsfaktor. Sie lähmt. Deshalb wird sie aus gewissen Positionen heraus so gern eingesetzt. Wir haben es durch harte Arbeit geschafft, uns mit positiven Geschichten zu behaupten, und werden auch weiterhin so arbeiten. Bisher gibt uns der Erfolg recht. Wir sind höchstwahrscheinlich die Forschungseinrichtung, die die meisten Menschen berührt in Deutschland.“

PROF. DR. JOHANNES CHRISTIAN VOGEL STUDIERTE AN DER UNIVERSITÄT BIELEFELD BIOLOGIE UND JURA. 1992–1995 PROMOVIERTE ER AN DER UNIVERSITÄT CAMBRIDGE IN GENETIK. VON 2004 BIS 2012 WAR ER CHEFKURATOR DER BOTANISCHEN ABTEILUNG AM NATURAL HISTORY MUSEUM IN LONDON. SEIT FEBRUAR 2012 IST VOGEL GENERALDIREKTOR DES MUSEUMS FÜR NATURKUNDE IN BERLIN UND PROFESSOR FÜR BIODIVERSITÄT UND WISSENSCHAFTSDIALOG AN DER HUMBOLDT-UNIVERSITÄT ZU BERLIN. ER IST VERHEIRATET MIT SARAH DARWIN, EINER URURENKELIN CHARLES DARWINS.


Text Martin Brunner
Portraits Theodor Barth

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